Bergunfälle: Über Eigenverantwortung und Einzelfälle

Dieser Artikel von Stephanie Geiger erschien im Jahrbuch des Alpenvereins BERG 2026. Der Jubiläumsband steht darum ganz im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert hat.
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Das Ziel hätte eine sehr gute Note verdient, die Umsetzung war jedoch mangelhaft. Eine Schülergruppe wollte Anfang Juli 2024 mit dem Fahrrad von Niederbayern an die Adria radeln und damit Geld für einen guten Zweck sammeln. Behinderte und kranke Kinder sollten unterstützt werden. Über dem Zillergrund war jedoch Ende der Reise für die elf Gymnasiasten, zwei Lehrkräfte und fünf weiteren Erwachsenen.
Nachdem die Gruppe ihre Räder etwa 700 Höhenmeter zum 2662 Meter hohen Heilig-Geist-Jöchl getragen hatte, setzte der Tourenleiter einen Notruf ab. Nichts ging mehr. Mit einem Polizeihubschrauber wurde die 18-köpfige Gruppe daraufhin vom Berg geholt. Allein sechs Stunden waren die Bergretter am nächsten Tag damit beschäftigt, die Fahrräder ins Tal zu bringen. Alles ging gut. Niemand wurde verletzt.

Der Einsatz machte aber Schlagzeilen. Die Aufregung war groß. Und wie so oft bei solchen Ereignissen waren die lauten Kritiker sofort zur Stelle: „Unverantwortlich! Zur Kasse bitten, aber saftig!“, hieß es. Von Beobachtern mit einem Sinn fürs Anekdotische werden Einsätze wie dieser herangezogen, um bestimmtes Verhalten und Fehlverhalten am Berg plakativ darzustellen. Aber auf das Gros der Einsätze gesehen sind es Einzelfälle.
Unverantwortlich! Zur Kasse bitten, aber saftig!
Ob in Deutschland, Österreich, Südtirol oder in der Schweiz: Wohin man schaut, es sind immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs. Der Outdoor-Trend lässt sich schon seit vielen Jahren erkennen. Corona scheint ihn noch weiter angeheizt zu haben. Es verwundert daher nicht, dass mehr passiert am Berg. Dabei sind die offiziellen Statistiken uneinheitlich. „Die Anzahl verletzter Personen beim Wandern/ Bergwandern hat in der Schweiz in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen. Die Zunahme ist überproportional zum Bevölkerungswachstum und zur Zunahme der Sportausübung. Es liegt die Vermutung nahe, dass immer mehr Personen ohne ausreichende Erfahrung im Umgang mit alpinen Gefahren in den Bergen unterwegs sind oder bewusst höhere Risiken eingehen. Der häufigste Unfallhergang beim Wandern/Bergwandern ist der Sturz oder Absturz.“ So heißt es bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung in Bern.
Laut Daten von REGA, Alpine Rettung Schweiz, Kantonale Walliser Rettungsorganisation (KWRO), Air-Glaciers Lauterbrunnen und von weiteren Institutionen sind 2024 in den Schweizer Bergen 3570 Personen in eine Notlage geraten. Die Bergrettung Bayern schreibt in ihrem Jahresbericht 2024: „4517 Einsätze in der Wintersaison 2023/2024 und 3316 Einsätze im Sommer 2024 stellen grob den Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre dar – Zahlen, die per se den Bedarf nicht infrage stellen.
Dennoch ist eine Veränderung bei den Einsatzzahlen in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten: weniger Einsätze im Winter, mehr Einsätze im Sommer bzw. bei den Sommersportarten, denn die Winterzeit und mit ihr die Schneelage wird sich verändern.“
Bergrettung als Taxi

Südlich des Brenners war 2024 ein Rekordjahr für die Retter des Bergrettungsdienstes beim Alpenverein Südtirol (AVS). „Bei den insgesamt 1753 Ausrückungen zu 1606 Einsätzen wurden 1394 Patienten betreut, so viele wie noch nie zuvor in der Geschichte des Bergrettungsdienstes. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die gestiegene Nutzung der Bergwelt wider, sondern auch die zunehmende Herausforderung, mit der die Einsatzkräfte konfrontiert sind“, zitiert Thomas Hellrigl, Landesleiter der Bergrettung im AVS, aus der Sozialbilanz 2024.
Ein nicht unerheblicher Teil dieser Unfälle wäre vermeidbar gewesen, da ist er sich sicher. In Südtirol liegt der Anteil der so genannten Blockierten, also all jener, die ohne Verletzung oder Krankheit vom Berg geholt werden müssen, weil sie sich nicht mehr weitertrauen, bei etwa einem Fünftel – wie auch anderswo. Für die Schweiz heißt es beim Schweizerischen Alpen-Club (SAC), dass hinter gut einem Viertel aller Notfälle in den Bergen eine Blockierung steckt.
„Das ist eine stolze Zahl“, findet Thomas Hellrigl. Das Problem dabei sei nicht mehr der Norddeutsche oder der Süditaliener in den längst sprichwörtlichen Halbschuhen oder Sandalen. „Ausgerüstet sind sie gut. Viele haben aber keinen Plan, wie man sich in der Natur und in den Bergen bewegt“, berichtet Hellrigl. Schon mache das Bild von der „Bergrettung als Taxi“ die Runde.
Frustration unter Bergretterinnen und Bergrettern
Und Bergretter begännen sich zu fragen: „Bin ich dafür zur Bergrettung gegangen?“ „Da ist schon auch Frustration zu spüren bei unseren ehrenamtlichen Rettern“, erzählt Thomas Hellrigl. „Aber natürlich holen wir lieber Unverletzte oder Leichtverletzte vom Berg, als zwei Stunden später Tote bergen zu müssen.“ Während ein gebrochenes Bein das selbständige Weitergehen unmöglich macht und Verletzte deshalb nicht mehr aus eigenen Stücken vom Berg kommen, liegen die Gründe für Blockierungen, die in der Statistik des DAV etwa ein Viertel der Unfälle ausmachen, weitgehend im Dunkeln.
Schlechte Planung lässt am Ziel festhalten.
Bernhard Streicher
Noch immer gibt es keine validen empirischen Untersuchungen dazu. Die Frage, was passiert, bevor jemand in eine Situation kommt, in der es für sie oder für ihn weder vor noch zurück geht, hat der Psychologe Bernhard Streicher, passionierter Bergsteiger und Mitglied der Sicherheitskommission des Deutschen Alpenvereins, sich schon oft gestellt. Eine abschließende Antwort hat aber auch er nicht.

„Wir wissen wenig über die Dynamik im Vorfeld. Jeder Einzelfall ist anders. Aber ganz grundsätzlich gilt: Keiner macht eine Tour, um mit Absicht nicht weiterzukommen und sich selbst zu gefährden.“ Davon ist Bernhard Streicher überzeugt. Jedoch weiß der Psychologe, dass Menschen grundsätzlich an dem Bild, das sie sich von der Wirklichkeit gemacht haben, gern festhalten. Umdrehen? Den Rückweg antreten, bevor das Ziel erreicht ist? Schlechte Planung lässt an dem gesteckten Ziel festhalten.
„Wir wissen beispielsweise vorab, dass es eine Schlüsselstelle gibt und wir die auch bewältigen können. Im Vorfeld denkt man dann: Wird schon gut gehen, schließlich möchte man die Tour auch machen, weil man etwas Bestimmtes damit verbindet. Dann kommen aber noch weitere Belastungen hinzu: In der konkreten Situation scheint die Sonne, es ist heiß, man ist dehydriert, erschöpft und außerdem ist diese eine Stelle zum Beispiel besonders ausgesetzt. Dann ist Ende. Dann geht es weder vor noch zurück.“
Brennpunkt Zugspitze
Vor allem in den Ortsstellen an den Prestigebergen haben Bergretter besonders viel zu tun. In der österreichisch-bayerischen Grenzregion ist das Zugspitzgebiet so ein Brennpunkt. Im Sommer wie auch im Winter sind auf deutscher Seite die Bergwachtfrauen und -männer von Garmisch-Partenkirchen und Grainau und auf österreichischer die Bergretter aus Ehrwald besonders eingespannt. Leichtsinn, Übermut und Unwissenheit gehen wie so oft auch dort vielen Einsätzen voraus.

Ende August 2023 war die Bergrettung Ehrwald gefordert. Im „Stopselzieher“-Klettersteig lag stellenweise ein halber Meter Neuschnee. Trotzdem starteten an einem Morgen gleich mehrere Zugspitzaspiranten, darunter auch Väter mit Kindern, von der Wiener Neustädter-Hütte. Anfang Juni 2024 wurde die Bergwacht Garmisch-Partenkirchen zu einem Einsatz gerufen. 29 Bergsteiger kamen aufgrund der Witterung und von Neuschnee rund 900 Meter vor dem Sonnalpin auf dem Zugspitzplatt nicht mehr selbstständig weiter.
Und Mitte November stieg die Bergwacht Grainau zu zwei Bergsteigern ab, die keine hundert Höhenmeter unterhalb des Gipfels nicht mehr weiterkamen. Sie hatten den Neuschnee unterschätzt und waren auch unzureichend ausgerüstet. Der „Stopselzieher“ ist ein besonders neuralgischer Punkt im Zugspitzgebiet. „Wir haben aktuell fast jeden Tag abends und nachts Einsätze“, schrieb die Bergrettung Ehrwald Ende Oktober 2024 in den sozialen Medien.

Sie ermahnte die Bergsportler zu mehr Umsicht bei der Tourenplanung und warnte vor der Gefahr, durch Neuschnee leichter von der Aufstiegsroute abzukommen. Regina Poberschnigg, die Leiterin der Bergrettung Ehrwald, weist besonders auf die Gefahren hin, die von heimtückischen Wetterumschwüngen ausgehen: „Das Wettersteingebirge heißt nicht umsonst Wetterstein. Da kann es auch im Sommer saugefährlich sein. Da meinst du manchmal, die Welt geht unter“, sagt sie.
Deshalb kann sie fast sicher sein, dass bei sommerlichen Gewittern am frühen Nachmittag ihre Mitstreiter und sie zu Einsätzen gerufen werden. Oftmals gehen so viel Mut und Unvermögen auch nicht gut aus. Zahlreiche Gedenktafeln erinnern auf den verschiedenen Routen an jene, die an der Zugspitze ihr Leben ließen.
Beschwerden statt Dank
In den 1960er-Jahren trug Walter Pause in seinem Buch „Der Tod als Seilgefährte“ 56 Berichte von „Fehlern und Sünden wider alpine Disziplin“ zusammen, wie es im Klappentext einer frühen Ausgabe hieß. Und in der Taschenbuchausgabe, die der Bergsteiger praktisch als mahnende Hüttenlektüre in den Rucksack packen konnte, liest man: „Alpines Bergsteigen ist zwar nie ungefährlich, doch wird nicht manch lebensbedrohende Krise am Steilhang oder Gletscher durch eigenen Leichtsinn, durch Fehlkalkulationen oder mangelndes Geschick hervorgerufen?“

Namhafte Bergsteiger der damaligen Zeit bezeugten eine Risikokultur, die von der potenziell tödlichen Gefahr im Gebirge wusste und zu Eigenverantwortlichkeit mahnte. Früher waren es solche dramatischen Erlebnisse, die die Menschen in ihren Bann zogen und manche so fesselten, dass sie das Buch, so heißt es, in einer Nacht ausgelesen hatten. Im besten Fall lernten sie daraus. Heute verliert sich der rundum digital informierte Mensch am Morgen in der U-Bahn oder am Abend auf der Couch in den Fotos und Berichten in den sozialen Medien.
Und er ärgert sich, dass er trotz Lawinenwarnstufe 4 nicht den Mumm hatte, den einen bestimmten Hang zu fahren, in dem andere dann allem Anschein nach geniale Schwünge zogen. Die Aktualität ist dabei nicht immer eindeutig, ein Wischen oder ein Like entscheidet über die nächsten Ziele und das weitere Verhalten am Berg: Ich will da rauf! Ist doch möglich! Die Gefahren sind schon irgendwie beherrschbar!
Leichtsinn, Fehlkalkulation oder mangelndes Geschick
Walter Pause
Längst fühlen sich Bergretter genötigt, Hinweise zur Tourenplanung zu geben. Wie die Bergrettung Ehrwald im Oktober 2024 in den sozialen Medien: „Bitte bleibt im Tal, wenn ihr nicht 100 Prozent sicher seid. Die Tage werden kurz, die Bedingungen sind Winter.“ Und dann kommt noch ein Hinweis, der bei fehlender Vernunft oftmals das entscheidendere Argument ist: „So eine Bergung kann schnell recht teuer werden.“ Tatsächlich lehnten im April 2025 zwei finnische Bergwanderer, die im Rofangebirge in Tirol nicht mehr vor oder zurück kamen, genau aus diesem Grund die Rettung mit dem Hubschrauber ab.
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Die Bergretter mussten zu Fuß losziehen. Es werden Ansprüche formuliert wie der nach einer bodengebundenen Rettung, beispielsweise auch weil sich ein Blockierter aufgrund von Flugangst nicht in den Heli winchen lassen will. Es hagelt Beschwerden, weil im unwegsamen Gelände Einsätze länger dauern als in den Städten, und statt eines Dankes nach einem erfolgreichen Einsatz werden Beschwerdebriefe aufgesetzt. Zu Recht finden Bergretter ein solches Verhalten respektlos.
Suche nach Fremdverantwortung
Stefan Beulke, auf Alpinunfälle spezialisierter Rechtsanwalt in München, selbst aber auch Bergführer und Mitglied im Vorstand des Bayerischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit, beobachtet zudem immer mehr, dass die moderne urbane Gesellschaft zwar Eigenverantwortung als solche und die damit zuvörderst verbundene Möglichkeit zur autonomen Selbstverwirklichung sehr schätze. „Bei einem Unfall hat aber ebendiese Gesellschaft eine hohe Expertise entwickelt, sich unverzüglich auf die Suche nach möglichen Verantwortlichen und damit auf die Suche nach Fremdverantwortung zu machen.“
Im Fall der Fälle geht das sogar so weit, dass für das eigene Verhalten auch keine Verantwortung übernommen wird. „Im Gegensatz zur vermeintlich altmodischen Bergkameradschaft enthält der Begriff der Achtsamkeit eine eindeutig selbstbezogene Komponente, nämlich den Aspekt, mit sich selbst achtsam zu sein.“ Sich einzugestehen, Opfer seines eigenen Risikoverhaltens geworden zu sein, einen Fehler gemacht zu haben, bei dem ein anderer zu Schaden gekommen ist, scheint heutzutage auch schwerer zu fallen.

Immer mehr Bergunfälle vor Gericht
Statt direkt bei der Haftpflichtversicherung landen immer mehr solcher Bergunfälle vor Gericht, so die Erfahrung des Anwalts: „Es bestehen immer weniger Hemmungen, möglicherweise unberechtigte Forderungen gegenüber einem angeblichen Unfallverursacher zu stellen – oder möglicherweise berechtigte Forderungen des Unfallgeschädigten kategorisch als unberechtigt zurückzuweisen.“ So lässt sich auch erklären, dass Forderungen der Bergrettung für Einsätze offenbleiben, wenn nicht eine Versicherung die Kosten übernimmt.
Oder sie werden dreist mit dem Hinweis zurückgewiesen, man selbst habe ja gar nicht gerettet werden wollen. Auch solche Fälle gibt es. Rettung hat aber Grenzen. Auch in Bayern, wo die Rettung durch die Bergwacht gesetzlich geregelt ist und es einen Anspruch darauf gibt, dass bei Alarmierung über den Notruf der Einsatzleiter der Bergwacht die Rettungskette in Gang setzt, bedeutet das nicht, dass die Retter dann ihr Leben riskieren.
Auch Rettung hat Grenzen
„Wenn die nicht abwendbare Eintrittswahrscheinlichkeit für schwerere Verletzungen oder gar den Tod zu hoch ist oder wird, brechen wir ab. Im Zweifel für den Bergretter“, sagt Klaus „Nik“ Burger, Richter a. D., dazu auch Alpinist und Leiter der zentralen Einsatzleiterausbildung der Bergwacht Bayern. „Dass wir unser Leben bewusst aufs Spiel setzen, das gibt es nicht. Der Einsatzleiter hat Gefährdungen zu beurteilen, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und Unfälle und Gesundheitsgefahren seiner eingesetzten Kräfte zu verhüten.“

Bei den Einsätzen am Hochkalter bei Ramsau, wo im Herbst 2022 nach einem jungen Bergsteiger gesucht wurde, oder dem an der Hohen Munde oberhalb von Telfs im Oktober 2024 brachen die Einsatzleiter die Suche nach den vermissten jungen Männern aufgrund der widrigen Verhältnisse und der Gefahr für die Retter ab. Die Männer wurden tot geborgen.
Rote Linien der Bergrettung
Und doch weiß auch Burger aus eigener Erfahrung: Einsätze aus Fürsorgepflicht den Rettungskräften gegenüber abzubrechen, kann für den Verantwortlichen sehr belastend sein und nachhaltig wirken. „Einen Einsatz zum Schutz der eigenen Kräfte zu unterbrechen und Verunglückte in ihrer dramatischen Notlage allein zu lassen, das ist ein emotionales Worst-Case-Szenario für die letztverantwortliche Einsatzleitung“, resümiert Nik Burger.

Schmal ist auch der Grat für erfahrene Retter, wie ein Bergretter aus Tirol berichtet, der nicht namentlich genannt werden soll. Er wurde zu einem Einsatz gerufen, an der „bei Lawinenwarnstufe 4 denkbar blödesten Stelle“, wie er erzählt. Mit dem Heli wurden der Notarzt und er zu einem Unfallbeteiligten gebracht, der nicht verschüttet worden war. Doch dann passierte der fatale Fehler: „Ich bin zu Fuß über die große Lawine abgestiegen, um mit dem Verschüttetensuchgerät nach den anderen zu suchen. In dem Moment glaubte ich an eine minimale Chance, sie lebend zu finden. Im Nachhinein betrachtet war das viel zu riskant.“
Zwar habe er die Verschütteten Skifahrer orten können, sie lagen aber vier Meter unter dem Schnee. Für den Bergretter allein aussichtslos, dort zu graben. „Ich habe über Funk gebeten, dass man mich so schnell wie möglich mit dem Hubschrauber aus dem Gefahrenbereich holt. Obwohl der Helikopter schon nach kurzer Zeit bei mir war, hat sich das wie eine Ewigkeit angefühlt. Ich wusste ja: Es reicht eine Gämse oder ein bisschen Erwärmung durch die Sonne, und schon kann sich eine weitere Lawine lösen. Ich habe nur gehofft, dass ich da heil herauskomme.“
Dieses Beispiel zeigt gut, wie schnell rote Linien überschritten werden. Mountainbiker, die vom Berg geholt werden müssen, weil sie wie die eingangs erwähnte Schülergruppe entweder die Verhältnisse unterschätzen oder sich, angeleitet von einem Navi, so weit in steiles, ausgesetztes Gelände begeben, bis es nicht mehr weitergeht.

Wanderer, die Warnungen von Hüttenwirten mit dem Hinweis in den Wind schlagen, sie würden dann einfach die Bergrettung rufen, wenn es nicht mehr weitergehe. Und wieder andere, die trotz Gewitterwarnung in einen Klettersteig einsteigen und dann bei Blitz und Donner die Retter alarmieren. Oben lassen am Berg? Zur Kasse bitten, aber saftig? Braucht es deshalb in einer fortschrittlichen, anti-autoritären Gesellschaft Strafen als Art Erziehungsmaßnahme, um Bergsteiger wieder eine natürliche Angst vor dem Berg zu lehren? Werden Strafen Bergsportler zu mehr Umsicht und Vorsicht anhalten?
Die Komplexität eines Bergunfalls
Bergretter Burger ist da aus eigener langjähriger Erfahrung als Alpinist und auch als Retter nachsichtig. „Wer definiert für welchen Bergsteiger, was wann nicht mehr vernünftig ist und – wie auch immer – sanktioniert werden soll?“ Und er beantwortet die Frage selbst: „Zahlreiche Sachverhalte sind auf den ersten Blick völlig unverständlich, bei eingehender Betrachtung und aus subjektivem Blickwinkel des Betroffenen aber oftmals viel komplexer und in der Dynamik der Ereignisse verständlicher, als es auf den ersten Blick erscheint.“

In die Diskussion eingeschaltet hat sich auch der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle, seit seiner Jugend als Bergretter aktiv und über viele Jahre stellvertretender Landesleiter bei der Bergrettung Tirol. „Die Missachtung von Warnungen und Sperren in den Bergen gehört geahndet und bestraft. Wer mit seinem Verhalten sich und andere bewusst gefährdet, muss auch die Konsequenzen für das eigene Handeln tragen. Die Hilfsbereitschaft unserer Einsatzorganisationen und der vielen Ehrenamtlichen ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb braucht es für grobe Fahrlässigkeit in den Bergen finanzielle und rechtliche Konsequenzen.“ Ist also doch die Versicherung der Schlüssel? Oder verleitet eine Versicherung Menschen eher zu der Ansicht: Wenn es nicht mehr weitergeht, rufen wir eben den Heli.
Kostenbeteiligung bei Fahrlässigkeit?
Darüber sind sich die Alpin-Experten uneinig. Allerdings stellen sich einige durchaus die Frage, ob statt zusätzlicher Strafen nicht besser die Versicherungsbedingungen geändert werden sollten. Und ob bei Fahrlässigkeit wie einer unzureichenden Tourenplanung Konsequenzen mit einer Beteiligung an den entstandenen Kosten angedroht werden müssten – ähnlich wie bei Alkohol am Steuer.
Die 150. Ausgabe des Alpenvereinsjahrbuchs im Zeichen des Wandels

Alpenvereinsjahrbuch BERG 2026
BergWelten: Großvenediger
BergFokus: Wandel
Herausgeber: Deutscher Alpenverein, Österreichischer Alpenverein und Alpenverein Südtirol
Redaktion: Axel Klemmer, Tyrolia-Verlag
256 Seiten, ca. 280 farb. Abb. und ca. 50 sw Abb., 21 x 26 cm, gebunden
Tyrolia-Verlag, Innsbruck – Wien 2025
ISBN 978-3-7022-4320-3
€ 25,–
Erscheinungstermin: 13. September 2025
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